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Zwischen Zauberlehrling und Selbstmordkandidat

020620081257.jpgEs gibt Menschen, denen relativ egal ist, wo sie nächtigen. Auf Dienstreisen lassen sie sich von ihrer Sekretärin die bekannten und im Rahmen der Reisekostenrichtlininen liegenden Kettenhotels buchen und gut ist.

Bei mir ist das anders. Ich schaue bei der Hotelwahl, egal ob ich beruflich oder privat unterwegs bin, sehr genau hin. Ein Tick? Vielleicht. Doch eine Dienstreise vor einiger Zeit hat mir wieder mal gezeigt warum.

Zunächst ging es nach Stuttgart, einer Stadt, in der ich seit Jahren nicht mehr war. Extrem schnell aber stieß ich auf ein Hotel, dessen Name einen Hauch Gelsenkirchener Barock versprüht, dessen Web-Seite aber mich sofort buchen ließ: das “Zauberlehrling”.  Ein Mikrokosmos von Stilen soll das Haus sein, jeder Raum ist anders eingerichtet. Mir erlaubte die Reisekostenrichtlinie nur den kleinsten von ihnen, die “Zeitfalle”.

“Raumwunder” wäre aber vielleicht die bessere Bezeichnung gewesen. Das Zimmer ist wirklich sehr, sehr klein. Trotzdem aber ist jeder Quadratzentimeter bestens genutzt, sogar für eine ordentlich große Dusche mit Glaswänden ist Platz. Allerdings: Die ist mehr oder weniger im Zimmer. Beim zu winzigen Waschbecken gibt es kein “mehr oder weniger” - es ist unabgetrennt im Raum angebracht. 

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Das macht die Atmosphäre aber nicht unangenehm. Gut, mehrere Nächte möchte ich hier nicht bleiben, für eine aber ist es eine lustige Kuriosität. Überhaupt: Schmunzelig ist hier vieles. Zum Beispiel die Magnetschilder statt der üblichen, ekligen Bitte-nicht-stören-Türklinkenpappen.  Oder die Literatur-Ausleihmöglichkeiten. Allerdings: Futon-Betten muss man mögen, weshalb es fair wäre, dieses auf der Homepage anzumerken.

020620081261.jpgÄrgerlich dagegen ist eine Stereoanlage wenn die CDs in der Wandhalterung verschweißt und mit Mondpreisen versehen sind. Der Wlan-Zugang ließ sich leider am späten Abend nicht mehr aktivieren, weil der Hausserver sich nächtens wartet. Und dem Chef des Hauses würde  ohnehin ein wenig mehr Dynamik gut tun - der Rest seiner Crew bringt diese übrigens mit.

Trotzdem ist der Aufenthalt im “Zauberlehrling” ein höchst angenehmer - ein sympathisches Haus. Noch dazu ausgestattet mit einem  sehr guten Restaurant, dessen Menüs sich frei kombinieren lassen. Ach ja, ein Basis-Frühstück in Form von Kaffee und Croissant ist im Preis sogar mit drin - nur das üppige Buffet kostet extra: lobenswert.

“Zauberlehrling”
Rosenstr. 38
70182 Stuttgart

Wie sehr ich solche Hotels schätze, wurde mir am nächsten Abend klar. Da war ich in Nürnberg, ebenfalls eine Stadt, in der ich seit Jahren nicht mehr gewesen war. Ich hielt dort einen Vortrag anlässlich einer Tagung und diese fand im “Maritim”-Hotel statt, weshalb mein Gastgeber mich dort eingebucht hatte. 

Schon das Betreten der Lobby lässt nicht auf einen netten Aufenthalt schließen. Irgendwann Ende der 70er hat man sich so ein modernes Hotel vorgestellt, vielleicht war es auch noch ein paar Jahre früher. Alles ist aus heutiger Sicht beliebig, alles zwischen dunkelholzig und pastellig. Der Service aber ist höchst freundlich.

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Durch lange, dritteldunkle Flure geht es zum Zimmer. Das ist groß, sicherlich doppelt so große wie die Zeitfalle. Dafür ist es dreimal so lieblos. Viel zu weich ist das Bett, viel zu dunkel sind die Möbel, viel zu fleckig der Teppich, viel zu abgewohnt das Bad. Richtig hell wird es auch nicht, die Klimaanlage rauscht, aus dem Fenster geht der Blick auf einen grauen Innenhof. So sehen Hotelzimmer aus, in denen sich Menschen suizidieren.

040620081264.jpgDazu kommt üble Abzocke. Natürlich kostet das Wlan hier viel zu viel. Und als Höhepunkt wird auch noch ein “Spa auf dem Zimmer” angepriesen. Nein, erwarten sie nicht eine Massage in den temporär eigenen vier Wänden: Es gibt einfach Badesalz, Badeöl und Body Lotion für irrwitzige 59 Euro. Gibt es wirklich jemand, der das kauft?

Zu Messezeiten verlangt das “Maritim” in Nürnberg über 300 Euro für ein Zimmer. Mir tun Menschen leid, die dort absteigen (müssen). Am Abend hielt ich es nicht mehr dort aus, ich flüchtete in die Spätvorstellung um möglichst wenig Zeit im Zimmer verbringen zu müssen. Früher waren Kettenhotels wenigstens das Gegenstück zu McDonalds: Nicht lecker, aber akzeptabel. Häuser wie das “Maritim” lassen in mir den Verdacht aufkommen, dass Ketten inzwischen die Dönerbuden unter den Hotels geworden sind.

 

Posted on Dienstag, Juli 15, 2008 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

Hallo Thomas,
ich war vor rund 3 Jahren dort und kann nur sagen: im "Titanic"-Zimmer des Zauberlehring muss man Wasserbetten mögen. War das ein Geschaukel die ganze Nacht! Ansonsten ist auch hier alles themengetreu eingerichtet. Die Nachttischlampen brennen hinter echten Bullaugen, Holzboden in Schiffsparkett, freistehende geschwungene Badewanne und "My heart will go on" im CD-Player.
Speisen und Frühstücksbuffet im Restaurant top.

Ade (wie der Schwabe sagt)
Ela

Juli 18, 2008 | Unregistered CommenterEla

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